Evangelienharmonie Tatian (Dissertation)

 

Die Evangelienharmonie Tatian. Studien zum Codex Sangallensis 56, Wiesbaden: Reichert Verlag 2015 (Imagines medii aevi; 37)

 

Die Handschrift 56 der Stiftsbibliothek St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert enthält mit dem sogenannten Althochdeutschen Tatian eine nach ihrem angenommenen Verfasser benannte Harmonie der vier getrennten Evangelien in einer lateinischen und einer althochdeutschen Fassung. Sowohl die Textgattung als auch die Darbietung des Textes in einer Bilingue stellen eine Besonderheit dar.
Während die vier kanonischen Evangelien aus unterschiedlichen Perspektiven von Leben, Tod und Auferstehung erzählen und dadurch eigene Akzentuierungen aufweisen, versucht die Gattung Evangelienharmonie die vier getrennten Evangelien zu einem einheitlichen, wenn möglich widerspruchsfreien Text zu verbinden.

Während im 2. Jahrhundert, also zur Entstehungszeit des Tatian, dieses Bemühen in den Diskurs um Glaubwürdigkeit innerhalb und außerhalb der christlichen Kirche verortet werden kann, ist dies für das 9. Jahrhundert, zu einer Zeit als die Debatten um die Kanonizität der Evangelien längst abgeschlossen sind, kaum mehr möglich. Insofern bleibt die Frage, worin das spezifische Interesse bestand, diesen Text nach der Vorlage des Codex Bonifatianus 1 (Hochschul- und Landesbibliothek Fulda) in präziser Weise zu kopieren und mit einer althochdeutschen Übersetzung zu versehen.

Bislang findet sich in der altgermanistischen Literaturgeschichtsschreibung insbesondere das Argument, dass die Harmonie mit ihrer vermeintlich einfacheren Darstellungsweise eine besonders gut geeignete Textgattung für die Katechese sei, wobei die althochdeutsche Übersetzung zugleich die Brücke für den nicht lateinisch gebildeten Leser leisten sollte.

In der hier vorgenommenen Untersuchung der Handschrift wird diese Zuschreibung hinterfragt. Dabei wird die Handschrift aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht. Der Titel „Studien zum Tatian“ spiegelt dies insofern wider, da bislang eher nebeneinander behandelte Aspekte wie Übersetzungsweise, kodikologische Aspekte und die Art der Erzählung miteinander verbunden werden. Hierbei zeigt sich, dass die Handschrift nicht nur ein äußerst anspruchsvolles Produkt karolingischer Schriftkultur ist, sondern zugleich einen Text bietet, der alles andere als einfach ist: In der spezifischen Kombinatorik und Anordnung von Textpassagen zeigt die Harmonie einen durchdachten Aufbau mit einer bewusst gesetzten theologischen Akzentuierung. Darauf scheint die Übersetzung zu reagieren, zudem zeigt sie sich bei aller Gebundenheit an das Lateinische an zahlreichen Stellen durchaus eigenständig und frei. Bei der Betrachtung dieser Ergebnisse entzieht sich die St. Galler Tatianbilingue daher einer einfachen Zweckbestimmung; ihr Sinn liegt möglicherweise darin, dass hier Formen und Ausdrucksweisen in experimenteller Weise gesucht wurden.   

 

Rezensionen:

Jörg Füllgrabe, „…thaz ir find kind mit tuochon biuuvntanaz…“
Gerald Kapfhammer ermöglicht in der Überarbeitung seiner Dissertationsschrift neue Zugänge zur 'Evangelienharmonie Tatian', in (externer Link; 25.03.2017):

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23077

Heiko Hartmann, in:
Mediaevistik. Internationale Zeitschrift für interdisziplinäre Mittelalterforschung,  29 (2016), S. 409-411.